Lexikon
Schopftintling
Der Schopftintling (Coprinus comatus), regional auch Spargelpilz, Porzellantintling oder Tintenpilz genannt, ist ein weit verbreiteter Großpilz. In Europa kommt er häufig vor und gilt jung – solange sein Hut noch geschlossen und die Lamellen weiß sind – als ausgezeichneter Speisepilz. Allerdings ist er nicht lange haltbar, denn ältere Exemplare beginnen nach der Sporenreife buchstäblich zu zerfließen: Der Pilz verdaut sich selbst und löst sich vom Hutrand ausgehend in eine tintenartige schwarze Flüssigkeit auf. Wegen dieser ungewöhnlichen Eigenschaft trägt er den Namen Tintling.
Die austretende „Pilztinte“ wurde früher tatsächlich als Schreibflüssigkeit verwendet. Der Schopftintling wurde von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie sogar zum Pilz des Jahres 2024 ernannt – auch um auf seine spannende Biologie und ökologische Rolle aufmerksam zu machen.
Merkmale des Schopftintlings
Typisch für den Schopftintling ist der langgezogene, anfänglich zylindrisch-eiförmige Hut mit weißen bis cremefarbenen, aufstehenden Schuppen. Die Hutoberfläche reißt beim Wachsen in diese groben Schuppen auf, darunter kommt weißes, dünnes Fleisch zum Vorschein. Ein ausgewachsener Schopftintling erreicht eine Höhe von etwa 10 bis 20 cm; der Stiel ist weiß, schlank und hohl und trägt einen schmalen, häutigen Ring, der allerdings bei älteren Pilzen unauffällig sein kann.
Die Lamellen stehen dicht gedrängt, sind jung reinweiß und verfärben sich im Alter über Rosa zu Schwarz. Schließlich beginnt vom Hutrand her ein nahezu unheimlicher Vorgang: Hut und Lamellen verflüssigen sich durch Autolyse zu einer tintenschwarzen Masse. Übrig bleibt oft nur ein zerfaserter Hutrest auf dem Stiel. Diese schwarze Flüssigkeit enthält die Sporen des Pilzes; sie tropft zu Boden und dient der Sporenverbreitung. Sogar Insekten wie Fliegen werden von der Pilztinte angelockt, fressen daran und transportieren so die Sporen weiter.
Lebensraum und Lebensweise
Der Schopftintling ist kein typischer Waldpilz, sondern besiedelt bevorzugt offene, nährstoffreiche Böden. Man findet ihn vom späten Frühjahr bis in den Herbst an Wegrändern, auf Wiesen, in Parks und Gärten, gelegentlich auch an Waldrändern.
Besonders auf gedüngten Rasenflächen in Siedlungsnähe tritt er mitunter massenhaft in Erscheinung. Je nach Nährstoffangebot erscheinen die Fruchtkörper einzeln, in Gruppen oder in ganzen „Hexenringen“ mit dutzenden bis hunderten Exemplaren zugleich.
Der Schopftintling lebt saprotroph, das heißt er ernährt sich von abgestorbenem organischem Material wie Humus oder Pflanzenresten im Boden. Sein unterirdisches Myzel wirkt dabei als „Recycler“ und zersetzt Laub und andere organische Abfälle.
Bemerkenswerterweise kann dieser Pilz aber auch räuberisch leben: Das Myzel bildet winzige Fangorgane bzw. Schlingfallen, mit deren Hilfe es kleine Fadenwürmer (Nematoden) im Boden einfängt und unbeweglich macht. Anschließend dringen die Pilzfäden in den Wurm ein und verdauen ihn. Diese ungewöhnliche Fähigkeit als fleischfressender Pilz ist im Pilzreich selten und verschafft ihm einen Vorteil auf nährstoffarmen Böden.
Speisewertigkeit des Schopftintlings
Junge, noch geschlossene Schopftintlinge mit schneeweißen Lamellen sind essbar und werden von Kennern sogar als Delikatesse geschätzt. Ihr Fleisch ist zart und hat ein mildes Aroma. Manche vergleichen den dezenten Geschmack und die Form mit Spargel, was dem Pilz den Beinamen Spargelpilz eingebracht hat.
In der Küche lassen sich Schopftintlinge ähnlich wie Champignons verwenden – etwa in Butter gedünstet oder als Suppeneinlage. Wichtig ist allerdings, dass die Pilze sehr frisch verarbeitet werden: Am besten wandern sie unmittelbar nach dem Sammeln in die Pfanne. Schon innerhalb weniger Stunden nach der Ernte können selbst junge Exemplare anfangen, sich schwarz zu verfärben und zu zerfließen. Sobald sich der Hut ausbreitet oder die Lamellen rosa zu schwärzen beginnen, ist der Pilz nicht mehr genießbar. Auch die Stiele verwendet man meist nicht, da sie eine zähe, spargelholzige Konsistenz besitzen.
Im Gegensatz zu einigen anderen Tintlings-Arten ist der Schopftintling ohne besondere Einschränkungen genießbar. Er enthält zwar geringe Mengen des Stoffes Coprin, der in Kombination mit Alkohol zu heftigen Unverträglichkeitsreaktionen führt. Die Konzentration im Schopftintling ist jedoch relativ niedrig.
Allerdings kann der giftige Graue Faltentintling mit dem Schopftintling verwechselt werden und wegen seiner hohen Coprin-Konzentration bei gleichzeitigem Alkoholkonsum schwere Vergiftungen auslösen. Er besitzt einen glatten, graubraunen Hut mit radialen Falten statt der typischen Schopf-Schuppe. Ein geübter Blick auf die Hutoberfläche und Farbe der Lamellen reicht meist aus, um die Arten auseinanderzuhalten.
Der Schopftintling ist einer der wenigen wild wachsenden Speisepilze, die kultivierbar sind. In Asien wird der Schopftintling darüber hinaus als Heil- und Vitalpilz geschätzt. Insbesondere in der Traditionellen Chinesischen Medizin schreibt man ihm diverse gesundheitsfördernde Wirkungen zu – so soll er den Blutzuckerspiegel senken, die Verdauung anregen und generell das Immunsystem stärken können. Diese medizinischen Aspekte sind wissenschaftlich noch nicht gesichert, tragen aber zu seinem Ruf als vielseitiger Vitalpilz bei.